Der selige Mario Borzaga – noch ein Vorbild?

Ein junger Mann hat das Ziel „Priester, Missionar, Märtyrer“ zu werden. Es ist kaum etwas vorstellbar, was weniger der westlichen Lebensweise entspricht. Die Entscheidung zum Priestertum können sich immerhin noch ein paar moderne Westeuropäer vorstellen. Missionar, da wird es schon schwieriger. Damit verbinden viele Menschen derzeit jemanden, der dem anderen seinen Glauben aufzwingen möchte. Und Märtyrer? Das lässt sich kaum mehr nachvollziehen. Für einen Glauben oder eine Idee zu sterben, das ist in der heutigen Gesellschaft fremd geworden. Kann ein solcher Mensch noch Vorbild sein?

Im Jungenkloster der Oblaten in Fulda glaubt man daran. Die Kommunität ist nach dem seligen Mario Borzaga benannt, einem italienischen Oblaten, der in Laos das Martyrium erlitten hat.

Borzaga wurde 1932 in Trient, in Norditalien, geboren. Er wuchs in einer gläubigen Familie auf und entwickelte schon im Grundschulalter den Wunsch Priester zu werden. Mit elf Jahren kam er ins Trienter Knabenseminar und von dort ins Priesterseminar der Erzdiözese. Seit dieser Zeit ist sein Gebet überliefert „Priester, Apostel, Missionar, Märtyrer“ zu werden. Um als Missionar wirken zu können trat er 1952 bei den Oblaten ein, setzte seine theologischen Studien fort und wurde 1957 zum Priester geweiht.

Aus dieser Zeit stammen auch Überlegungen zum Martyrium in seinem Tagebuch:

„Alle Märtyrer sind unschuldig! Wenn ich unschuldig sein will, muss sich ein Märtyrer werden, denn im Grunde besteht Unschuldigkeit darin, den Tod ohne Widerspruch zuzulassen.“

Doch Borzaga war kein lebensmüder Asket. So schrieb er:

„Ich habe meine Berufung verstanden: ich soll ein glücklicher Mensch sein

P. Mario Borzaga OMI

1957 wurde der neu geweihte Priester von seinem Generaloberen auf eigenen Wunsch als Missionar nach Laos gesandt. Im Lande lebten damals 2 Millionen Menschen, von denen nur 24.000 katholisch waren. Laos wurde durch duzende Ethnien, Sprachen und einen Bürgerkrieg zerrissen. So gehörte das Land zu den schwierigsten Missionsfeldern der Oblaten.

Borzaga ging in die Bergdörfer im Norden von Laos. Dafür musste er nicht nur die Landessprache lernen, sondern auch die der einheimischen Bevölkerungsgruppe der Hmong. Er hielt dort die heilige Messe, unterrichtete die getauften Kinder, leitete die Taufbewerber an und unterstützte die einheimischen Katecheten. Daneben diente das Haus der Oblaten auch zur Versorgung der Kranken der Umgebung. Borzaga nahm lange Fußmärsche auf sich um die isolierten Bergdörfer zu erreichen und für die Menschen da zu sein. Aus dieser Zeit stammt auch ein Eintrag aus seinem Tagebuch:

„Wir Missionare sind von dieser Art: ist es normal für uns immer wieder aufzubrechen. Es ist wichtig auf dem Weg zu bleiben. Die Straße wird unser Zuhause sein. Wenn wir in ein Haus kommen, müssen wir es zu einem Weg machen, der zu Gott führt.“

Sein Engagement hatte Erfolg: Die christliche Gemeinde in den Dörfern wuchs. Die äußere Bedrohung auch. Die Kommunisten gewannen die Kontrolle über immer mehr Gebiete. Als Ausländer und Priester auf ihre Soldaten zu treffen war lebensgefährlich. Auch Borzaga musste sich auf seinen Märschen durch das Bergland hin und wieder verstecken.

Am 24. April 1960 brach er zusammen mit einem einheimischen Katecheten zu einer mehrtägigen Reise zu den Dörfern der Umgebung auf. Er sollte nicht zurückkehren. Am 1. Mai 1960 wurden die beiden in einem Dorf von kommunistischen Milizen aufgegriffen. Die machten kurzen Prozess: Nachdem die beiden ihr eigenes Grab schaufeln mussten, wurden sie erschossen und verscharrt. Laut Augenzeugenberichten blieb Borzaga im Angesicht des nahen Todes gefasst.

Er blieb nicht der einzige Märtyrer. Die kommunistische Verfolgung in Laos brachte noch fünf weiteren Oblaten den Tod.

Für einen westlichen Christen ist dieses Zeugnis der Märtyrer befremdlich. Man mag noch die Konsequenz bewundern, mit der sie ihren Lebensentwurf durchgehalten haben; Borzaga und die anderen Oblaten hätten das Land verlassen können. Sie haben Mut bewiesen, indem sie geblieben sind.

Doch, wofür sind sie gestorben? Um andere Menschen von ihrem Glauben an Jesus Christus zu überzeugen; weil sie das für existenziell notwendig, schön und segensreich hielten. Die moderne Forschung spricht da heutzutage nicht selten von der ‚Arroganz der Eroberer‘. Laos hatte sich erst wenige Jahre zuvor von der Kolonialherrschaft Frankreichs befreit. Und Borzaga gehörte zu einer Gemeinschaft, die im Gefolge jener Kolonialherren in das Gebiet gekommen war.

Bei aller Bewunderung für den Mut des Märtyrers: Kann ein Mensch, der in eine fremde Kultur kommt, um die Einwohner von seinem Glauben zu überzeugen, den er für überlegen hält, heute noch Vorbild sein?

Borzaga gehörte zu den ersten einer neuen Generation von Missionaren. Im Imperialismus waren die Missionen wesentlich durch die Präsenz der Kolonialmacht geprägt, die sich neue Räume eroberte. In deren Gefolge kamen die Missionare, die häufig als Agenten der neuen europäischen Herrschaft wahrgenommen wurden. Und es nicht selten auch waren; unbenommen deren authentischen Willens, den Völkern das Evangelium zu bringen. Seit den ausgehenden 40er Jahren mussten sich die europäischen Mächte aus ihren Kolonien aber zurückziehen. Die Missionare blieben zurück. Sie mussten sich neu aufstellen, ihre Rolle neu bestimmen.

Borzaga fand seine Rolle in der selbstlosen Hingabe an die ländliche Bevölkerung vor Ort. Sollte er sich den Einheimischen als Weißer und als Priester überlegen gefühlt haben, so verstand er sich nie als Herr der Gläubigen vor Ort, sondern als ihr Diener. In diesem Mut zum Dienen gewinnt die Erzählung des Sl. Mario Borzaga Kontur und lädt dazu ein, sich ihm als Vorbild zu nähern.

Maximilian Röll

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