Glauben in einer pluralistischen Gesellschaft

Im Sommer war ich mit meinem Bruder in Erfurt. Wir wollten uns die Stadt ansehen, eine echte „Thüringer Bratwurst“ essen und natürlich ein Foto mit „Bernd das Brot“ machen. Schließlich ist Erfurt die Heimat des KiKa (Kinderkanal). Ich war als Ordensmann erkenntlich, denn ich trug mein kleines Oblatenkreuz und einen Priesterkragen. Nicht wenig staunte ich, wie viele Menschen mich dafür etwas komisch anstarrten. Ziemlich schnell wurde mir bewusst, dass ich als katholischer Ordensmann in einer ostdeutschen Stadt eher ein Fremdkörper bin und nicht unbedingt zum gewohnten Straßenbild gehöre.

Diese Episode hat mich nachdenklich gemacht. Ich glaube nämlich, dass es vielen Christinnen und Christen in Deutschland ähnlich geht. Der christliche Glaube ist bei Weitem nichts selbstverständliches mehr. Wir leben heute in einer pluralistischen Gesellschaft, in der die Menschen viele verschiedene und teils auch konkurrierende Ansichten haben. Der christliche Glaube ist dabei eine Ansicht von vielen. Dazu kommt noch, dass nicht wenige Menschen oft nur noch ein schlechtes Abziehbild des christlichen Glaubens kennen. Viele sind heute eher skeptisch, manche sogar ablehnend oder einfach gleichgültig gegenüber dem Thema Glauben. Andere wiederum finden Glauben sei Privatsache und gehöre nicht in die Öffentlichkeit. Wieder andere hingegen sind vielleicht auch neugierig und möchten gerne mehr erfahren und ihren eigenen Glauben vertiefen.

Die Frage an mich, als gläubigen Menschen, ist daher: Was glaube ich und was bedeutet mir mein Glaube? Habe ich den Mut über meinen Glauben zu sprechen und Auskunft darüber zu geben? Im ersten Petrusbrief steht dazu: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Zugegeben, das ist nicht einfach! Aber ich habe positive Erfahrungen gemacht. Wenn ich mit anderen über meinen Glauben spreche und darüber, wer Gott für mich ist, ist das gleichzeitig eine innere Stärkung meines Glaubens. Ich denke, wir müssen uns als Jüngerinnen und Jünger Jesu keine Sorgen machen, wenn wir wegen unseres Glaubens manchmal kritisch angefragt werden. Vielmehr dürfen wir darauf vertrauen, dass das Wort Jesu aus dem Lukasevangelium wahr ist: „der Heilige Geist wird euch […] lehren, was ihr sagen müsst“ (Lk 12,12).

Die eigene Position gut darstellen zu können wird immer wichtiger. Unsere Gesellschaft diskutiert viele Themen wie Umwelt, Politik und letztlich auch Glauben immer intensiver. Indem du deine eigene Position gut nachvollziehbar machst, baust du keine Gräben auf, sondern Brücken, die gemeinsam begangen werden können. So geht es nicht in erster Linie darum, den anderen unbedingt mit deinen Argumenten zu überzeugen, sondern vielmehr um eine Begegnung, die von Liebe und Respekt getragen ist.

Wichtig ist dabei, anderen zuzuhören und andere Perspektiven wahrzunehmen. Wir sollten unser Gegenüber verstehen lernen und dann die eigene Perspektive einbringen. Darüber kommen wir dann ins Gespräch. Ich glaube, dass es gut ist, vier Schritte zu gehen, die dabei helfen können, als gläubiger Mensch in einer pluralistischen Gesellschaft zu leben. Eine Strategie auf die ich gerne zurückgreife lautet: accept, think, pray, act.

„Accept“ bedeutet die Situation so anzunehmen, wie sie ist. Wenn du in einem eher unchristlichen Umfeld lebst, dann nimm die Challenge an. Wenn du viele Kritiker triffst, dann lass dich von ihnen herausfordern und versuche zu verstehen, warum die Menschen so kritisch sind. Wenn du lernst, die Menschen anzunehmen, dann bist du wirklich auf dem Weg des Liebesgebots von Jesus: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12).

„Think“ lädt dich ein, über die Fragen und Zweifel der anderen und über deine Anfragen nachzudenken. Vielleicht findest du Antworten in der Heiligen Schrift oder in einem guten theologischen Buch. Und wenn nicht: Frag jemanden, der sich auskennt, z. B. eine Ordensschwester, einen Priester oder einfach einen gläubigen Menschen, dem du vertraust.

„Pray“ ist der wichtigste Schritt, glaube ich. Es meint, alles, was dich bewegt, all die Menschen, die dir begegnen, einfach zu Gott zu bringen. Sag Gott einfach, was dir durch den Kopf und durch dein Herz geht. Du wirst merken, wie du Antworten von ihm bekommst, wenn auch vielleicht nicht sofort. Wichtig ist deshalb: dranbleiben und geduldig sein!

Der letzte Schritt ist „Act“. Tu einfach das, was du für richtig hälst. Hab keine Angst, ein Kreuz zu tragen oder vor dem Essen in der Mensa zu beten. Es wird etwas verändern! Oder eben einfach: Keep calm and be a Christian!

P. André OMI

Bild: https://unsplash.com/photos/IBaVuZsJJTo

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