Juliusz unterwegs auf dem Jakobsweg

Fasten: zu Fuß gehen für den Kopf

Auch in diesem Jahr haben wir uns wieder 40 Tage lang auf Ostern vorbereitet, in der sogenannten Fastenzeit. Die Phase des bewussten Verzichts ist inzwischen nicht nur unter religiösen Menschen verbreitet. Wieso schränken sich Menschen eigentlich selbst so ein?

Es ist viel zu früh und der gestrige Abend war zu lang. Nun schnell sozialisierbar aussehen und die Kopfhörer in die Ohren stecken. Es bleiben noch 5 Minuten, um zum Bus zu kommen und die Schuhe anzuziehen. Die Hand klatscht die wichtigsten Dinge ab: Portemonnaie, Smartphone und Schlüssel sind dabei. Es ist wirklich knapp. Die roten Rücklichter sind zu sehen, aber der Busfahrer hält an und öffnet die Türen. Eindeutig der Mann des Tages! Jetzt wieder zu Atem kommen und sich festhalten. Der Puls ist auf 180 und die Vibrationen der Whatsapp-Gruppen geben bereits den Takt des Tages vor. Ist wirklich alles mit dabei? Sich selbst zu hören fällt jetzt schwer, wenn alles an einem zerrt und die Stimme der Musik lauter ist als die innere. Der Blick senkt sich zum Boden, um einen Moment bei sich zu sein. Die vom Regen feuchten Fußabdrücke zeigen in alle Richtungen, ein Kaugummi klebt unterm Schuh. Es ist so zäh wie der Tag beginnt. Natürlich wurde das wichtigste auf dem Tisch vergessen.

Jeder kennt bestimmt so eine Situation. Manchmal ist eben alles einen Tick zu viel. Wir wollen erfolgreich, für alle unsere Freunde da und gesund sein. Und das ist erst der Anfang. Wenn wir an unsere kleinen oder großen Grenzen kommen, suchen wir nach uns selbst. Viereckige Vorbilder, die beim unbewusst gewordenen hoch und runter scrollen erscheinen, geben nur eine Vorstellung davon, wie es sein könnte. Wer jetzt sich selbst in der Reflektion seiner Umwelt sucht, schafft das, indem er aus der gewohnten Geschwindigkeit des Alltags aussteigt. Fasten ist so ein langsamer werden, ein zu Fuß gehen für den Kopf. Und es ist ironischer Weise gesund, hilft der Umwelt und gibt ein Gefühl von Ordnung zurück.

Durch die Vorteile und Wirkungsweisen ist das Fasten zu einem Bestandteil aller Weltreligionen geworden. Für uns Christen ab einem Alter von 14 Jahren ist die wichtigste Fastenperiode während der vorösterlichen Zeit. Sie beginnt am Aschermittwoch und reicht bis Ostern, was rund sieben Wochen bzw. 40 Tage sind. Sonntage sind als Feiertage vom Fasten ausgenommen. Besondere persönliche Umstände gelten als Freibrief: z. B. (chronische) Krankheit, schwere Arbeit, Reisen oder Schwangerschaft.

Während des Fastens verzichten wir nicht nur auf etwas, sondern erinnern uns an das Leben, Leiden und Wirken Jesu. Menschen, die unter Armut leiden und unsere Hilfe benötigen, haben in dieser Zeit unsere besondere Aufmerksamkeit. In dieser Weise gehen wir also im gewissen Maß die Schritte Jesu nach, der zum Fasten in die Wüste ging und Versuchungen widerstand.

Wer richtig fastet, der verzichtet historisch gesehen eigentlich komplett auf Fleisch und nimmt nur eine maßvolle Mahlzeit und eine kleine Stärkung zu sich. In unserem europäischen Kulturkreis beschränkt sich diese Fleisch-Abstinenz allerdings nur noch auf die Freitage der Fastenzeit. Und ja, es wird auf Genüsse wie beispielsweise Alkohol, Süßigkeiten, oder multimediales im besten Fall verzichtet. Keine Sorge: Seit dem Mittelalter haben sich unsere Gewohnheiten des Fastens stark gewandelt. Inzwischen sind aus vielen Regeln Vorschläge geworden und Fastende geben sich selbst vor, was gefastet wird.

Nichtsdestotrotz soll das Fasten zumindest etwas schwerfallen und eine Herausforderung sein. Wer jetzt aber direkt ein asketisches Leben im Kalender einträgt, sollte sich der Konsequenzen bewusst sein. Anfangenden wird häufig das empfohlen, was für Vieles gilt: 1. Eine klare Antwort auf das „Wieso?“, „Wie?“ und „Was?“ finden, 2. kleine Schritte und 3. keine Ausreden.

Alexander Schneider

Wir haben nachgefragt: Warum hast du gefastet?

Fasten ist für mich ein guter Weg, den Wert von ‚Dingen‘ neu zu erfahren. Vieles gehört wie selbstverständlich zum Alltag. Der Verzicht bietet mir die Möglichkeit, zu spüren, was in meinem Leben wirklich wichtig ist. Durchs Fasten habe ich dann automatisch mehr Zeit und Energie für das ‘Essenzielle’ im Leben.
(Henry, 18 Jahre)

Ich habe mich dieses Jahr auf digitales Fasten konzentriert. Auch wenn ich nicht ganz auf mein Smartphone verzichtet habe, habe ich die Zeit pro Tag doch deutlich reduziert. Die gewonnene freie Zeit habe ich dann in wichtigere Dinge investiert, wie beispielsweise wieder öfter mit Gott und meinen Mitmenschen ins Gespräch zu kommen. Fasten ist gut für mich, etwas das nachwirkt, auch wenn es manchmal schwerfällt.
(Helen, 20 Jahre)

Beim Fasten habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich nach einer Weile eine Leichtigkeit und spontane Freude einstellt und ein geschärfter Blick auf das, was Wesentlich ist in meinem Leben. Aber gerade dann, wenn ich es mal nicht geschafft habe, meine Fastenvorsätze zu halten, gerade dann habe ich besonders Gottes Nähe gespürt – denn seine Nähe und seine Liebe zu mir wird nicht kleiner, wenn ich schwach bin. Im Gegenteil. Gott zeigt dann erst seine Größe, weil er einfach nicht aufhört, mich zu lieben.
(frater Christian OMI, 30 Jahre)

Fotoquellen:

Bild 1-4: privat

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